Canon RF 100-300mm 2.8 L IS USM: Das Ende der Festbrennweiten in der Naturfotografie?

Eine Uferschnepfe steht majestätisch im goldenen Licht des Sonnenuntergangs, umgeben von glitzerndem, feuchtem Gras. Die warmen Farbtöne und die sanften Lichtreflexionen schaffen eine malerische Szene.
Das RF100-300 zeigt seine Stärken, wenn die Motive näher kommen, wie hier bei 300 mm und Blende f/2.8.

Canon EOS R5 II + Canon RF 100-300mm 2.8 L IS 

Im April 2024 stellt Canon der Öffentlichkeit das neue RF 100-300mm 2.8 L IS USM vor!

Mit dem RF 100-300 kommt das erste lichtstarke Telezoom dieser Art für spiegellose Systemkameras auf den Markt, und zeitgleich ersetzt es bei Canon die sehr beliebte 300mm F2.8 Festbrennweite. Das 3-fach-Zoom soll bei allen Brennweiten eine sehr hohe optische Leistung erzielen, und die Bildqualität auf dem Niveau von Festbrennweiten liegen. Allerdings ist es mit 2.590g auch knapp über 100g schwerer als das Canon EF 300mm 2.8L IS II USM. Die Bildstabilisierung erfolgt optisch und erreicht eine Kompensationsleistung von bis zu 5,5 Blendenstufen, die Fokussierung erfolgt durch zwei Nano USM-Motoren.

Weiter stellt sich natürlich die Frage, ob das 100-300 als erstes Supertele-Zoom vielleicht das Ende der großen Festbrennweiten einläutet?

Uferschnepfe im Prachtkleid auf einem Zaunpfahl in einer grünen Wiese.
Für Aufnahmen von Tieren im Habitat eignet sich das Canon RF100-300 als Zoom hervorragend!

Canon EOS R5 II + Canon RF 100-300mm 2.8 L IS 

Die wichtigsten technischen Daten kurz und knapp:

  • Länge: 323,4 Zentimeter
  • Durchmesser:  12,8 Zentimeter
  • Gewicht: 2.590 Kilogramm
  • Naheinstellgrenze: 1,8m (konstant)
  • Filterdurchmesser: 112mm (mit Filtergewinde)
  • Kompatibel mit RF-Extendern
  • Staub-/Spritzwasserschutz

Kurz vorab:

Das Objektiv habe ich mir selber bei AC-Foto im Juni 2024 gekauft und die hier geschilderten Erfahrungen beziehen sich auf eine Nutzung seit über anderthalb Jahren in der Naturfotografie. Also ist dies kein Erfahrungsbericht, der auf eine kurze Testphase innerhalb einer Leihgabe hinausläuft.

Meine Idee und Wünsche an das RF 100-300mm 2.8 L IS USM

Ich wollte damals komplett weg vom EF Bajonett und unterhalb der 600er f4 Festbrennweite ein Objektiv haben, das mehr Freistellung und Bildlook hat als ein RF100-500. Das EF 300mm 2.8L IS II USM, das ich damals ebenfalls besaß und auch gerne für die Pflanzenfotografie nutzte, war hingegen nicht mit den RF Extendern kompatibel und auch nicht so performant, was IS und AF angeht, wie die nativen RF Objektive. So kam es, dass ich das RF 100-500 und das EF 300mm 2.8L IS II verkaufte und mir das RF 100-300mm 2.8 L IS USM zulegte.

Canon RF 100-300 2.8 bei der Schmetterlings-, bzw. Pflanzenfotografie.

Canon EOS R5 II + Canon RF 100-300mm 2.8 L IS 

Der erste Eindruck:

Geliefert wird das Objektiv in einem Karton, mit dabei ist ein großer Objektivköcher, ein Objektivgurt, sowie ein Front- und Rückdeckel. Der Frontdeckel ist tatsächlich ein großer Objektivdeckel in 112mm und mit Schnappverschluss genauso wie wir ihn von den anderen kleineren RF-Objektiven kennen.

Die Verarbeitung ist wie bei allen Canon Superteleobjektiven sehr hochwertig und es gibt für mich nichts zu beanstanden.

Beim ersten Auspacken fällt mir direkt das doch recht hohe Gewicht auf. Gerade wenn man zuvor noch das deutlich größere und voluminösere RF 600 F4 in der Hand hatte, und beim Wechsel vom Kopf her aufgrund der kleineren Größe was leichteres erwartet.

Das 12,8 x 32,3cm groß und 2.590g schwer ausfallende Gehäuse des Canon RF 100-300mm 2.8L IS USM ist mit einer hitzeabweisenden Beschichtung versehen, zusammen mit dem Staub- und Spritzwasserschutz kann das Zoom bei fast allen Wetterbedingungen genutzt werden.

Aber das mit dem Gewicht ist so eine Sache, die man unterschiedlich betrachten kann, bzw. muss! Wenn mich jemand nach meinen Wünschen gefragt hätte, hätte ich mir persönlich lieber eine leichtere 300mm Festbrennweite, wie das Sony 300 2.8 mit seinem knapp 1,5 kg gewünscht.

Auf der anderen Seite relativiert sich das Gewicht sehr schnell, wenn man bedenkt, dass man durch das 3-fach-Zoom so gesehen auch noch direkt ein 70-200 2.8 mit in einem Objektiv hat. Gerade als Tierfotograf oder Sportfotograf hat mit einem 100-300mm Zoom und z.B. einer 400mm und 600mm Festbrennweite nahezu alles abgedeckt.

Canon RF 100-300 f2.8 an einer Canon R5 Mark II liegt neben einer Canon 600 f4, das an einer Canon R1 montiert ist.
Das Canon RF 100-300 2.8 an einer R5 Mark II neben dem Canon 600mm f4 an der R1, eine häufig genutzte Kombination von mir in der Vogel- und Tierfotografie!

Handling:

Das Handling ist in meinen Augen sehr gut. Egal ob mit einer Canon R5 II oder R1 ist das RF100-300 sehr gut ausbalanciert. Selbst bei der Nutzung der Telekonverter wirkt die Kombination für mich noch stimmig und liegt weiterhin gut in der Hand. Auch die Anordnung vom Zoomring empfinde ich als passend und gelungen. Hingegen finde ich die Positionierung vom Steuerring nicht ganz optimal. Ohne ein Umgreifen kann ich diesen bei der Freihand-Nutzung nicht bedienen. Persönlich finde ich die Position hinten Richtung Bajonett, wie z.B. beim RF 100-500 bei Telebrennweiten stimmiger. Hier kann ich wunderbar ohne Umgreifen mit dem Zeigefinger drauf zugreifen.

Zu erwähnen wäre vielleicht noch, dass das RF 100-300 mit einem 112mm Filtergewinde ausgestattet ist. Man kann also bei Bedarf einen 112mm Rundfilter drauf schrauben. Der Filtereinschub am Bajonett, den wir von den anderen Supertele Objektiven kennen, entfällt daher.

Über die Objektivschelle gibt es wenig zu sagen. Diese läuft smooth und gleichmäßig, lässt sich perfekt feststellen, aber leider ist der Objektivfuß ab Werk noch immer nicht direkt mit einem Arca-kompatiblen Profil ausgestattet. Hier muss man leider weiterhin zusätzlich eine Schnellwechselplatte montieren oder zu einem neuen Ersatz-Objektivfuß aus dem Zubehör greifen.

Aber wie gut schlägt sich das RF 100-300 2.8 IS USM in der Praxis?

Ich denke, das ist die Frage, die euch am meisten interessiert. Der indirekte Vorgänger, die Festbrennweite EF 300mm 2.8L IS II USM, legt die Messlatte zumindest sehr hoch.

Also, ich werde hier keine direkten Vergleichsbilder zwischen den Objektiven zeigen, zumal ich das EF 300mm 2.8L IS II USM auch nicht mehr besitze, aber über meine Erfahrungen aus der Praxis beim Einsatz in der Naturfotografie berichten. Ich habe in den letzten 10 Jahren diverse Canon Supertele intensiv genutzt und kann das, denke ich, recht gut einschätzen.

Das Canon RF 100-300 2.8 überzeugt erwartungsgemäß beim Einsatz ohne Extender mit einer beeindruckenden Schärfe, Detailzeichnung und Microkontrasten. Auch bei Gegenlicht enttäuscht das Objektiv nicht und der Kontrast bleibt wie bei fast allen modernen Gläsern erhalten. Wenn man einen günstigen Einfallswinkel der Sonne hat, kann es sogar ein paar schöne fotogene Flares ins Bild zaubern. Der Autofokus arbeitet rasend schnell und zuverlässig, während der Bildstabilisator neben dem Canon RF70-200 2.8 Z mit zu den besten gehört, die ich je benutzt habe. Man kann einfach kurz und knapp sagen, hier bleiben keine Wünsche offen!

Ein lebhaftes Streifenhörnchen springt über einen moosbedeckten Baumstamm. Mit seinem charakteristischen gestreiften Fell und den großen, neugierigen Augen fängt es die Aufmerksamkeit ein.
Der Autofokus vom Canon RF 100-300 2.8 ist rassend schnell und präzise.

Canon EOS R5 II + Canon RF 100-300mm 2.8 L IS 

Und wie schaut es denn mit dem Einsatz von Extendern aus?

Genau diese Frage habe ich schon des Öfteren gestellt bekommen. Und ganz ehrlich finde ich diese Frage auch sehr interessant. Kann man sich mit dem Canon RF 2X Extender ein 200-600 f 5.6 Zoom „bauen“, was dann die perfekte flexible Ergänzung unterhalb vom einen 600mm F4 Supertele ist?

Ja, kann man, aber man muss dabei schon Kompromisse eingehen. Aber der Reihe nach!

Einsatz mit dem Canon RF 1.4x Extender

Mit dem Canon RF 1.4x Extender liefert das RF 100-300 2.8 sehr scharfe Bilder. Ich finde, die Bildschärfe liegt auf vergleichbarem Niveau wie ohne Extender, und auch die feinen Microkontraste sind nach wie vor vorhanden.
Genauso verhält es sich mit dem Autofokus und der Bildstabilisierung. Ich muss ehrlich sagen, dass ich was die Autofokusgeschwindigkeit und Genauigkeit keinen Unterschied ausmachen kann. Auch bei der Bildstabilisierung geht es mir ähnlich, die ist einfach noch verdammt gut, auch wenn diese messtechnisch wohl nicht mehr die vollen optischen 5,5-Blenden-Stufen hat.

Da mich die Kombination und Performance mit dem RF 1.4x Extender und der Möglichkeit, so ein sehr flexibles 140-420mm f4 Zoom zu erhalten, sehr fasziniert hat, habe ich mir tatsächlich vor ein paar Wochen einen zweiten RF 1.4x Extender gekauft. Für mich ist genau dieser Brennweitenbereich in Kombination mit meinem RF600 F4 in der Wildlife Fotografie sehr interessant. Klar könnte ich auch den 2x Extender nutzen und bekäme den gleichen Brennweitenbereich abgedeckt, aber warum ich davon eher absehe, beschreibe ich nachfolgend.

Eine Uferschnepfe steht elegant im flachen Wasser und breitet ihre bunten Flügel aus, während sie spritzendes Wasser aufwirbelt. Der sanfte Hintergrund und die reflektierende Wasseroberfläche schaffen eine dynamische, natürliche Atmosphäre.
Die Bildqualität bei 420mm Brennweite vom RF 100-300 in Kombination mit RF 1.4 Extender ist einfach optimal!

Canon EOS R5 II + Canon 1.4X Extender + Canon RF 100-300mm 2.8 L IS

Einsatz mit dem Canon RF 2x Extender

Jetzt komme ich, wie ich finde, zum theoretisch interessanteren Extender, nämlich dem Einsatz des Canon RF 2x Extenders. Dieser ermöglicht es, aus dem Canon RF 100-300 ein Telezoom mit einer flexiblen Brennweite von 200-600mm und einer durchgehenden Blende von f5.6 zu bekommen. Und hier muss ich ehrlich sagen, dass mich diese eigentlich doch sehr interessante Kombination nicht wirklich überzeugen kann! Die Bildschärfe und insbesondere die feinen Microkontraste können hier leider nicht zu 100 % überzeugen.

Irgendwie erinnert mich das ein wenig an meine Zeit mit dem Canon EF 400 2.8 IS III in Kombination mit dem 2x Extender. Auch diese Kombination konnte mich damals nie richtig überzeugen. Versteht mich nicht falsch! Sowohl mit dem RF 100-300 als auch mit dem EF 400 2.8 IS III und zweifach Extender kann man grundsätzlich scharfe Bilder machen, aber es fehlt irgendwie die extrem beeindruckende Schärfe, die ich sonst von den Supertele-Objektiven gewohnt bin.

Dabei muss man aber auch beachten, dass in der Wildlifefotografie Faktoren wie Tierbewegung, Licht, Hitzeflimmern, Wind etc. oftmals einen noch erheblichen Einfluss auf das Ergebnis nehmen können. Aber der Unterschied zu meinem RF 600 f/4 mit seiner ebenfalls 600mm Brennweite ist deutlich zu erkennen. Hierbei ist auch wieder zu beobachten, dass die Kombination mit 2x Telekonverter im Nahbereich, zum Beispiel bei der Fotografie von kleinen Motiven und einem Motivabstand unter 10m, deutlich besser abliefert als bei einem größeren Motivabstand.

Während der Autofokus selbst mit dem RF 2x Extender noch beeindruckend schnell arbeitet und selbst Flugaufnahmen von Vögeln problemlos möglich sind, merkt man bei der Bildstabilisierung schon, dass diese zwar noch immer sehr wirksam ist, aber natürlich nicht mehr an die überragende Leistung wie ohne Extender herankommt. Ein Canon-Techniker hat mir mal gesagt, dass es sich bei der Bildstabilisierung mit Extender ähnlich wie mit dem Lichtverlust bei der Blende verhält! Also, wenn ein Objektiv eine Bildstabilisierung von 5,5 Blendenstufen hat, würde beim Einsatz eines 2x Extender die Bildstabilisierung um den Faktor 2x schlechter. Das wäre dann rein rechnerisch eine Bildstabilisierung von 2,75 Blendenstufen. Ob man diese Annahme jetzt 1:1 in die Praxis übernehmen kann, zumal die Aussage noch aus EF-Zeiten stammt, oder ob dies mit der neueren, deutlich schnelleren Datenübertragung mit dem RF-Bajonett geringer ausfällt, kann ich nicht genau sagen. Was ich sagen kann, ist, dass man den Unterschied in der Bildstabilisierung zwischen RF100-300 2.8 plus 2x Extender und dem Canon RF 600 f4 ohne Extender, also beide bei 600mm, zugunsten des Canon RF 600 f4 merkt.

Vergleich der Bildschärfe zwischen dem Canon RF100-300 2.8 mit 2x Extender bei 600mm f5.6 und dem Canon RF 600 f4 bei 600mm f4. Es handelt sich jeweils um einen 100% Crop-Ausschnitt.

Verhalten im Gegenlicht

Ein weiterer für mich sehr wichtiger Punkt ist, wie sich Objektive im Gegenlicht verhalten. Zeigen sie schöne Flares oder neigen sie eher zu unschönen Lichtflecken oder Lichtkanten?
Also ich empfinde das Verhalten vom RF 100-300 bei Gegenlicht als recht unauffällig, es besticht weder durch einen besonderen Charme, noch neigt es zu auffälligem unschönem Verhalten. Der Kontrast im Bild bleibt dank der hochwertigen Vergütung der Gläser, wie eigentlich bei allen neuen RF-Objektiven der L-Serie, sehr gut erhalten und auf sehr hohem Niveau. Und mit dem richtigen Einfall des letzten Sonnenlichts können durchaus auch mal ein paar schöne Flares entstehen.

Ein eleganter Silberreiher steht im flachen Wasser während des Sonnenuntergangs. Die goldenen Lichtstrahlen reflektieren sich auf der Wasseroberfläche und schaffen eine malerische Atmosphäre in der Natur."
Bei dem richtigen Einfallen des Lichts können auch schöne Flares entstehen.

Canon EOS R5 II + Canon RF 2X Extender + Canon RF 100-300mm 2.8 L IS

Ein Kiebitz steht silhouettenhaft im Vordergrund, umgeben von sanften Gräsern, während die untergehende Sonne im Hintergrund ein warmes, goldenes Licht ausstrahlt.
Selbst bei etwas krätigeren Gegenlicht überzeugt das Canon RF 100-300

Canon EOS R5 II + Canon RF 1.4X Extender + Canon RF 100-300mm 2.8 L IS

Fazit:

Das Canon RF 100-300 f2.8 ist schon ein sehr interessantes Objektiv und in Kombination mit z.B. einem 400mm f2.8 oder 600mm f4 Supertele hat man als sehr ambitionierter bzw. Profi-Fotograf mit zwei Objektiven alles, was man für die Tier- und Vogelfotografie benötigt. Auf der anderen Seite ist der Preis für ein RF 100-300 auch so hoch, dass man überlegen muss, ob man sich das in einer solchen Kombination gönnen möchte.

Als einziges Supertele sehe ich das RF 100-300 nicht, es sei denn, für eure Motive reicht die Brennweite von 300mm in 90 % der Fälle aus. Die Nutzung des 1.4x Extender geht absolut in Ordnung, allerdings ist der Zugewinn von 120mm jetzt auch nicht die Welt, und ihr verliert dann über den ganzen Zoombereich die tolle Blende f2.8. Hinzukommt, dass der 2-fach Extender nicht wirklich überzeugen kann. Wäre die Nutzung als 200-600mm Telezoom mit 2-fach Extender nahezu ohne Einbußen möglich, hätte das meiner Meinung nach den Nutzerkreis noch etwas erweitert. Aber bei tatsächlichen Abbildungsqualität mit 2x Extender und in Anbetracht des Preises sehe ich die Kombination nur als Notlösung.

Das beantwortet für mich auch etwas die Eingangsfrage, ob das Canon RF 100-300 2.8 Supertelezoom vielleicht das Ende der großen Festbrennweiten einläutet. Gerade in Anbetracht, dass die Telekonverter, insbesondere der 2-fach Extender, wohl an Zooms immer noch einen größeren Kompromiss darstellen, kann ich mir das aktuell noch nicht so richtig für mein RF 600 f4 vorstellen. Ich persönlich hoffe, dass ein zukünftiges RF 600 f4 eher einen einschwenkbaren Konverter hat, als das es zu einem Zoom mutiert.

Ich hoffe, der Bericht hat euch etwas weiter geholfen bei eurer Entscheidungsfindung.

Viele Grüße, Markus